Von Hartmut U. Hallek
Mehr als
dreihundert Sonnentage im Jahr: das gibt es in Europa.
Und ganz ohne Winter, hier, tief im Süden Spaniens. Zu
Recht trägt die Costa del Sol ihren Namen, Sonnenküste
heißt das auf Deutsch. Am südlichsten Zipfel des
Kontinents, in Andalusien, liegt sie. Hinter der Küste
recken die Kordilleren ihre bizarren Felskronen und
Gebirgskämme in den meist wolkenlosen Himmel, und
gegenüber, auf der anderen Seite des Mittelmeeres, ragen
die Gebirge Marokkos empor. Schaut man einmal genauer
auf die Karte, sieht man, dass die Costa del Sol sogar
südlich von Tunis liegt. Von Almería im Osten über
Málaga und Marbella bis zur Südspitze Spaniens bei
Tarifa im Westen reicht sie, ein fast endloser Reigen
von Stränden ist das unter der Sonne Andalusiens.
Der noch vor fünfzig Jahren fast vergessene Landstrich am Rand Europas hat eine Karriere ohnegleichen hinter sich: Eine Handvoll armer Fischernester oder auch Minenorte, deren Menschen mehr schlecht als recht ihr karges Auskommen mit Fischfang und Erzen fristeten, wurde zu einem der größten zusammenhängenden Feriengebiete der Welt. Heute locht man hier auf inzwischen mehr als fünfzig Golfplätzen ein, vergnügt sich in glamourösen Nachtclubs und exzentrischen Beach Clubs, geht in schicken Malls shoppen, in quirligen Markthallen, hat Spaß in Chiringuitos, den für Andalusien so typischen einfachen Strandrestaurants, gibt sich dem Treiben im Gassengewirr maurischer Altstädte hin, flaniert über palmenbestandene Promenaden und Boulevards oder lässt am Strand und im Meer die Zeit verstreichen.
Zentrum ist der Küstenabschnitt zwischen Málaga und Estepona. Einer Millionenstadt gleich erstreckt es sich zwischen Stränden und Gebirgen am Meer. Nicht einmal zwei Generationen ist es her, dass sich dort am Mittelmeer eine holperige Landstraße im gleißenden Sonnenlicht Richtung Afrika wand, vorbei an Wäldern aus Schirmpinien und melancholischen weißen Dörfern, deren Bewohner nicht wussten, was sie sich von der Zukunft erhoffen sollten.
Die Berge hinter der Küste trennten sie zudem vom Rest der Welt. Heute verbringen hier Millionen von Touristen alljährlich ihren Urlaub. Selbst im Winter kommen die Besucher, nicht zuletzt der Golfplätze wegen, die der Küste auch den Titel Costa del Golf bescherten. Dazu haben sich Hunderttausende aus aller Welt einen Platz an der Sonne gekauft, und so lebt hier ein kosmopolitischer Mix von Menschen, man liebt das internationale Flair und das Miteinander trotz babylonischen Sprachgewirrs, denn mit Englisch kommt man immer zurecht.
All dies hat das Gesicht der Region grundlegend verändert: Betten- und Betonburgen und vierspurige Durchgangsstraßen sind die Konsequenzen der Entwicklung, aber auch traumhafte Villenviertel, Gärten und Parks mit üppiger Flora, die in den Subtropen und Tropen zu Hause ist, und immer noch eine Endlosigkeit von Stränden, mal vor Dünen, mal vor Ferien-Resorts oder Apartmentblocks, aber immer vor einer spannenden Bergkulisse.
Diese ist mehr als nur eine reizvolle Zutat der Natur: die Berge schützen vor der Winterkälte des kontinentalen Spanien ebenso wie vor der Gluthitze im Sommer und bescheren Europa die einzige winterfreie Küste. Eine Küste warmer Frühlingstage, feuriger Sommerfiestas, leuchtender Herbstwochen und lichterfüllter Winter. Womit wir beim Klima wären.